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Kleines Leben – schnell verkorkst

Wie althergebrachte "Irrtümer der Wellensittichhaltung” einen Wellensittich unglücklich machen.

Zeiten ändern sich, Ansichten werden neu überdacht, neue wissenschaftliche Ergebnisse öffnen uns die Augen – dieses Grundprinzip des "Lernens” und der Veränderung gilt auch für die Wellensittichhaltung.


Die neuesten Bücher und Fachartikel zur Wellensittichhaltung beschäftigen sich mittlerweile beinahe ausnahmslos mit artgerechten Haltungsbedingungen, wie sie Tierschützer (u. a. Der Verein der Wellensittich-Freunde Deutschland e. V.) und engagierte Wellensittichhalter seit Jahren fordern. Wellensittichhaltung sollte sich demnach in erster Linie nach den Bedürfnissen der Tiere und nicht nach denen des Menschen richten.

Wellensittichexperten und Biologen, wie zum Beispiel Dr. Esther Wullschleger Schättin, Dr. Immanuel Birmelin oder Dr. Rainer Niemann, betonen hierbei in ihren Publikationen vor allem die Notwendigkeit nach artgleicher Gesellschaft, die es den Wellensittichen erst ermöglicht, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben.
Trotz dieser erfreulichen Entwicklung besteht in den Themenbereichen Einzelhaltung und Zähmung von Wellensittichen nach wie vor großer Aufklärungsbedarf.

Entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse von Wellensittichexperten gibt es immer noch Befürworter der Einzelhaltung, die davon ausgehen, dass Wellensittiche auch alleine glücklich sind, sofern sie genügend Kontakt zum Menschen haben. Sicherlich ist es nachzuvollziehen, dass einsame Menschen in einem Tier einen Partnerersatz suchen, doch der Wellensittich eignet sich dafür nicht. Seine Anhänglichkeit als Einzelvogel an den Menschen ist eine qualvolle Notlösung für ihn. Das häufig nachgefragte "sprechen lernen” bedeutet einen Hilferuf nach Sozialkontakten und einem gleichartigen Partner, der seine Kommunikation versteht und erwidert.

Die Biologin Dr. Esther Wullschleger Schättin stellt in ihrem 2008 erschienenen Buch "Wellensittiche verstehen und artgerecht halten“ dar, dass Einzeltiere sehr häufig an Verhaltensstörungen leiden und auch der enge Anschluss einzeln gehaltener Wellensittiche an den Menschen selten unproblematisch verläuft. Sie macht deutlich, dass einzeln gehaltene Wellensittiche leiden, auch wenn dies für den Besitzer oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Die Biologin steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Auch Prof. Heinz Sielmann und Claudia Toll sprechen sich eindeutig gegen die Einzelhaltung von Wellensittichen aus (Wellensittiche erleben – verstehen – beschäftigen, 2005). Unterstützung erhalten sie hierbei von dem Verhaltensbiologen und Tierfilmer Dr. Immanuel Birmelin, der seit vielen Jahren einen eigenen Schwarm Wellensittiche hält. Seine Aussage "Ein Wellensittich braucht den Partner wie die Luft zum Atmen“ (Wellensittiche glücklich und gesund, 2006) macht unmissverständlich deutlich, dass die Einzelhaltung von Wellensittichen inakzeptabel ist.

Der Irrglaube, dass nur einzeln gehaltene Wellensittiche zahm werden, hält sich leider immer noch hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen und so wird allzu oft empfohlen, dass ein zweiter Vogel erst nach der vollständigen Zähmung des ersten Wellensittichs dazugesetzt werden soll. Prof. Heinz Sielmann und Claudia Toll stellen dagegen heraus, dass zwei Wellensittiche genauso zahm werden können wie ein einzeln gehaltener. Auch sprechen sie sich strikt gegen eine Trennung der Vögel zur besseren Zähmung aus, da dies nur unnötigen Stress für die Tiere bedeuten würde.

Auch die Erfahrungen innerhalb der diversen Wellensittich-Foren belegen eindeutig, dass sogar Schwärme handzahm werden. Selbst Wellensittichzüchter, die sich unter bestimmten Umständen für eine Einzelhaltung aussprechen, berichten dort von ihren handzahmen Schwärmen.
Der VWFD hat auf seiner Homepage eine ganze Rubrik dem Thema "Zahm im Schwarm” gewidmet.

Im vereinseigenen Forum des VWFDs kann man unzählige Beispiele von handzahmen Wellensittichen finden, die intensive Beziehungen zu Menschen haben – aber auch zu ihren Schwarmkollegen. Sehr oft sind sie Mitglied eines größeren Schwarms und wetteifern mit ihren zutraulichen gefiederten Freunden um die Aufmerksamkeit der Federlosen.

Neben der Einzelhaltung soll eine möglichst frühe Trennung des Wellensittichkükens von Eltern und Geschwistern zu einer leichteren Zähmung beitragen. Meist wird ein möglichst junges Abgabealter von nicht unter 5 ½ - 6 Wochen empfohlen. Bedenkt man jedoch, dass junge Wellensittiche frühestens in einem Alter von 5 Wochen den Nistkasten verlassen, wird deutlich, dass dieses Abgabealter viel zu jung ist. Die Küken müssen zunächst Futtersuche und –aufnahme von den Altvögeln erlernen. Auch die Prägung des Jungvogels und das Erlernen typischer Verhaltensweisen finden in den nächsten Wochen statt. Die moderne Wissenschaft geht mittlerweile von einem Abgabealter von min. 7 - 8 Wochen aus, aber keinesfalls früher, da es sonst zu massiven Fehlprägungen und in der Folge zu Verhaltensstörungen kommen kann, wie auch Dr. Wullschleger Schättin bestätigt. Der VWFD empfiehlt ein Abgabealter von mehr als 8 Wochen.

Dass einzeln gehaltene Wellensittiche sich dem Menschen gerne freiwillig anschließen, muss aus heutiger Sicht der Wellensittichforschung klar verneint werden. In der Schweiz und in Österreich wurde eigens dafür ein Gesetz erlassen, das Einzelhaltung von soziallebenden Tieren (wozu auch der Wellensittich gehört) verbietet. Der von Artgenossen isoliert gehaltene Vogel hat gar keine andere Möglichkeit als zu versuchen mit dem Menschen, einem Spiegel oder einem Plastikvogel eine Beziehung einzugehen, um nicht völlig zu vereinsamen. Zutraulichkeit, die auf Zwang beruht, darf nicht das Ziel einer liebevollen und modernen Wellensittichhaltung darstellen. Vielmehr sollte jeder Wellensittichhalter die Persönlichkeit seiner Tiere wertschätzen. Vertrauen ist ein Gut, das man sich verdienen muss – das bedarf gerade bei einem Vogel viel Geduld und Liebe. Doch jeder freiwillig entgegengebrachte Vertrauensbeweis seitens ihrer Vögel – und sei er noch so klein – erfreut das Herz eines wahren Tierliebhabers umso mehr.

Eine Vergesellschaftung eines jahrelang allein gehaltenen Wellensittichs kann Schwierigkeiten bergen. Schließlich ist ihm das Sozialverhalten seiner Artgenossen nicht vertraut – er muss erst alles neu lernen. Für gewöhnlich ergeben sich aber keine langfristigen Probleme, wie auch der Verhaltensforscher Dr. Immanuel Birmelin im Interview mit dem VWFD bestätigt. Auf die Frage, ob er Erfahrungen mit der Vergesellschaftung von Einzelvögeln in einen größeren Schwarm hat, antwortete er: "Ja – und in der Regel ist das auch kein Problem. Sicherlich benötigt es eine gewisse Zeit, bis sich die Tiere in den Schwarm einfinden.”

Wer als Einzelvogelhalter durch diesen Artikel nachdenklich geworden ist und sich nun über die Anschaffung eines zweiten Wellensittichs oder auch über die Abgabe seines Einzelwellis Gedanken macht, findet auf der Internetpräsenz des Vereins der Wellensittich-Freunde Deutschland e. V. Tipps und Hilfe – das angeschlossene Forum steht mit Rat und Tat zur Seite. Ein Besuch bei uns kann einen Vogel sehr glücklich machen: Mit einem Partner - denn zwei Wellensittiche werden auch dem Halter mindestens doppelt soviel Freude bereiten.

Prof. Sielmann, Heinz & Toll, Claudia
Wellensittiche erleben – verstehen – beschäftigen
Kosmos, Stuttgart 2005
ISBN: 978-344-010244-2

Dr. Birmelin, Immanuel
Wellensittiche glücklich & gesund
Gräfe & Unzer (GU Tierratgeber)
ISBN: 978-3-774-23839-8

Dr. Birmelin, Immanuel
Mein Wellensittich
Gräfe & Unzer (GU Tierratgeber 2008)
ISBN: 978-3-833-80187-7